Wenn das Herz nicht schlafen kann
- ready2flow

- 16. Juli 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Juli 2025
Herz, Shen und die stille Kunst der Nacht 😴

Wer nicht schlafen kann, hat oft ein Herz, das zu viel sieht.
Zu viel Licht. Zu viele Eindrücke. Zu viele Geschichten.
Und zu wenig Zeit, sie zu verdauen.
Das Herz ist der Sitz des Shen – unseres Geistes, Bewusstseins, Seelenlichts.
In der Nacht soll der Shen heimkehren. Zur Ruhe kommen.
Doch was, wenn der Palast des Herzens offen steht, das Feuer weiterflackert und das Licht nie wirklich verlöscht?
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🌡️ Thermik, Klima & die verlorene Abendwärme
Wir verbringen den Tag in klimatisierten Räumen – kühl, künstlich, konstant. Am besten noch mit Getränken aus dem Kühlschrank, das Eis zum Dessert und zum Feierabend einen Martini auf Eiswürfel.
Am Abend fällt das System dann aus dem Takt: Draußen ist es warm, im Körper ist es künstlich kalt – der Körper weiß nicht mehr, wo er steht.
Die Temperatur ist kein nebensächlicher Komfortfaktor, sondern ein zentraler Taktgeber des zirkadianen Rhythmus.
Ohne nächtliche Abkühlung kein Tiefschlaf – ohne Tiefschlaf keine echte Regeneration. Der Körper muss des Prozess des natürlichen Herunterkühlens durchlaufen, um gut einschlafen zu können.
Konkret: Die Körperkerntemperatur sinkt nachts um etwa 0,5 °C – das ist ein Schlafsignal.
→ Wenn es in der Umgebung zu warm ist, kann dieser Temperaturabfall nicht ausreichend stattfinden.
→ Wenn es zu kalt ist, produziert der Körper mehr Wärme – was ebenfalls den Schlaf stören kann.
Was passiert dabei in unserem Körper?
Melatonin, das Schlafhormon, triggert nicht nur Müdigkeit, sondern auch die Absenkung der Körpertemperatur.
Die Blutgefäße an Händen, Füßen und Gesicht erweitern sich → Wärme wird abgegeben → Körper kühlt ab → Einschlafen wird erleichtert.
Das Gehirn benötigt für den Schlaf einen kühleren „Headspace“ – insbesondere für den Tiefschlaf.
Optimale Schlafumgebung:
Raumtemperatur: 16–19 °C
Bettdecke dem Temperaturbedürfnis anpassen (Baumwolle oder Wolle statt Polyester)
Kühle Füße verhindern das Einschlafen → ggf. warme Socken
Warme Dusche oder Fußbad vor dem Schlafen → peripherer Blutfluss steigt → Kerntemperatur sinkt
Ein Abendspaziergang, barfuß im Garten oder mit offenem Fenster, kann helfen, die Thermik neu zu regulieren. Denn der Körper braucht Rhythmus – auch in der Temperatur.
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🍽️ Herz, Niere und das nährende Fundament
In der TCM stehen Herz und Niere in enger Beziehung - nicht umsonst prüfen wir Menschen auf „Herz und Niere“, wenn wir ihr wahres Selbst erforschen möchten.
Das Herz will schlafen, aber die Niere muss es halten. Wenn das Herz der Motor ist, dann hält die Niere das Kühlwasser bereit.
Wenn das Yin der Niere zu schwach ist, kann das Feuer des Herzens nicht gesenkt werden.

Auch die moderne Wissenschaft erkennt diese Verbindung in der Verbindung von Proteinmangel und Schlafproblemen:
Melatonin – das Schlafhormon – braucht Vorstufen wie L-Tryptophan oder 5-HTP, die nur bei ausreichender Eiweißversorgung gebildet werden.
Ein Proteinmangel - Proteine stärken in der TCM die Nierenenergie - kann Schlafprobleme mitverursachen, besonders bei pflanzlich basierter Ernährung - wenn nicht auf genügend Eiweißzufuhr geachtet wird - oder bei Erschöpfungszuständen.
Schlaf beginnt nicht erst im Bett – er beginnt auf dem Teller.
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😴 Mittagsschlaf – oder wie man den Tag in Balance hält

Die Herzzeit (11–13 Uhr) ist der energetische Zenit des Tages.
Ein kleiner Rückzug, ein Mittagsschläfchen von max. 30 Minuten, kann den Shen regulieren und das Herz entlasten.
Die TCM kennt dieses Prinzip seit Jahrtausenden – die moderne Forschung bestätigt es:
Mittagsschlaf senkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen signifikant.
Wer tagsüber ruht, schläft nachts tiefer.
Aus chronobiologischer Sicht ist der Mensch nicht rein monophasisch (nur nachts schlafen), sondern eher biphasisch angelegt:
ein großer Schlafdruck in der Nacht (22–7 Uhr)
ein kleiner, natürlicher Einbruch am frühen Nachmittag (zwischen 13 und 15 Uhr)
→ Dieser Einbruch ist keine Schwäche, sondern ein evolutionär verankertes Signal:
Pause, Regeneration, Reset.
Vorteile eines „Powernaps“:
die kognitive Leistungsfähigkeit steigern (Aufmerksamkeit, Reaktionszeit, Lernfähigkeit)
das Herz-Kreislauf-System entlasten
den Cortisolspiegel senken
Emotionale Ausgeglichenheit fördern
Melatonin & Serotonin-Balance stabilisieren (besonders bei Schlafmangel)
ACHTUNG ⚠️
Wenn du…
zu lange (über 30 Min)
oder zu spät (nach 16 Uhr)
schläfst, kann das:
das Einschlafen am Abend erschweren.
den Melatonin-Rhythmus verzögern.
zu Trägheit und „Schlaftrunkenheit“ nach dem Aufwachen führen (Schlafinertie).
Der Mittagsschlaf ist kein Rückschritt, sondern eine kluge Anpassung an unseren biologischen Rhythmus. In einer Leistungsgesellschaft wird er oft unterschätzt – aber dein Körper weiß, wann er Stille braucht. Zur Zeit des großen Yang gönne ihm eine kleine Portion Yin um die Balance zu wahren.
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🧠 Sympathikotonus: Wenn der Tag nicht loslässt
Wir leben in einer Zeit der Reizüberflutung:
Blaulicht am Abend. Pushnachrichten im Minutentakt. Gespräche ohne Tiefe. Party bis zum Morgengrauen.
Der Tag endet nicht mehr mit dem Sonnenuntergang – sondern mit Display-Licht.
Das Nervensystem bleibt im Sympathikus gefangen: angespannt, auf Empfang, im Überlebensmodus.
Der Parasympathikus, der für Ruhe und Regeneration sorgt, kommt zu kurz. Das Schiff ist auf Dauerreise, weil der Anker defekt ist.
Wirkung von Blaulicht auf unseren Melatoninspiegel:
Melatoninproduktion wird gehemmt, selbst wenn es draußen dunkel ist.
Der Melatonin-Peak verschiebt sich nach hinten (zirkadiane Phase wird verzögert).
Die Schläfrigkeit tritt später ein.
Die Einschlafzeit verlängert sich, und die Schlafqualität kann beeinträchtigt sein.
Schlaf ist kein Knopfdruck – er ist ein Loslassen.
Studien zeigen, dass schon 2 Stunden Blaulicht-Exposition am Abend den Melatonin-Peak um bis zu 1,5–2 Stunden nach hinten verschieben kann. Bei besonders hellen, blauen Lichtquellen sogar noch mehr.
👉 Beispiel:
Ohne Bildschirm → Melatoninpeak gegen 21:30 Uhr
Mit Blaulicht → Melatoninpeak erst gegen 23:00 Uhr oder später

Was hilft?
Blaulichtfilter aktivieren („Night Shift“, „Night Light“, „f.lux“, „Redshift“ etc.)
Brillen mit Blaulichtfilter tragen (idealerweise mit orangenen oder roten Gläsern)
Abends dimmes, warmes Licht verwenden (z. B. Kerzenlicht oder spezielle Leuchten mit <2700 K)
Mindestens 1 Stunde vor dem Schlafen keine Bildschirme mehr – idealerweise 2 Stunden
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🛌 Rituale, die den Shen zurückholen
In der TCM sagt man:
„Zwischen 23 und 1 Uhr ist Geisterzeit“ – die Tiefphase des Herzens in der Organuhr.
Wenn der Shen nicht rechtzeitig zurückkehrt, träumen wir wirr, wachen oft auf – oder schlafen gar nicht erst ein.
Hier ein paar Wege, die den Geist nach Hause führen:
🌿 Zusammenfassung der Abendrituale
Licht dimmen – Kerzen statt Displays
kein Handy oder andere Blaulichtquellen (wenn nicht vermeidbar - Blaulichtfilterbrille)
Musik oder Stille – keine Nachrichten
regelmässige Schlafzeiten
eher kühler Schlafraum (16 bis 19 Grad)
🍵 Ernährung
Keine schweren Mahlzeiten spät (ab 18 Uhr „schlafen" die Milz und der Magen)
Herz-Yin-stärkend: gekochte Datteln, Mandeln, warmes Reismilchgetränk
Shen beruhigend: Rosenwasser oder Rosenblütentee
Tryptophanquelle: Hafer, Banane, Hülsenfrüchte
ausreichend Proteine essen
🤲 Bewegung & Körperbezug
Sanfte Dehnungsübungen, Fußbad, Massagen
Qi Gong oder Yoga für den Abend: Erdung, Atmung, Sammlung
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🔄 Ausblick: Bitterkeit & Balance
Wenn das Herz zur Ruhe kommt, kann der neue Tag mit Klarheit beginnen.
Doch manchmal brauchen wir einen Impuls – einen Weckruf, einen Duft, eine Bitterkeit - der uns wieder in Bewegung bringt.
Nächste Woche widmen wir uns einem Getränk, das genau das tut: Kaffee.
Und der Frage, wie Bitterkeit in der TCM wirkt – auf Herz, Darm, Bewusstsein und unsere tägliche Mitte.
Bis dahin:
Schlaf gut. Und hör auf dein Herz.










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